Unwiderstehlich – Andreas Golz – Nordart 2/ 2016

Doppelbödig Frau verspeist! Ein Leckerbissen
So ein Anwalt hat es ja nicht leicht. Er (Marco Matthes) besitzt das Mandat Ignacios, der aus Liebe seine Frau auffraß. Dieser Fall ist in seiner Endgültigkeit argumentativ schwer zu wuppen, mutmaßt seufzend der Winkeladvokat. Gleichzeitig trifft seine Frau (Sonja Hilberger), eine Lektorin, einen Autor, den sie auch noch unwiderstehlich findet, zum Arbeitstreffen. Als sie heimkommt, haben sich in ihrem Gatten bereits die kruden Gedanken der Eifersucht verfestigt. Schon holt er aus zum Anwalt typischen Kreuzverhör, das seine des Fremdgehens beschuldigte Ehefrau entlarven soll. Die jedoch gibt ihrem enervierenden Ehemann und dessen überbordenden Eifersucht was aufs Geweih. Und zwar deftig.
„Unwiderstehlich“ heißt die Komödie von Fabrice Roger-Lacan, die die Compagnie de Comédie in einer Inszenierung von Reiner Heise im April zur Premiere brachte. Heise, der polyvalente Künstler, der im Schauspiel in allen Fächern reüssierte, ließ sich wieder einmal nicht die Gelegenheit nehmen in der Bühne 602 Regie zu führen. Sein „Sexy Laundry“ wurde quasi zur Andacht für zwei formidable Mimen (Katja KLemt, Christoph Gottschalch) in ausdrucksstarken Posen. Da oben blubbert eine Erfolgsmine, mag sich der deutschlandweit tätige Heise mit Blick auf Rostock gedacht haben. Bei „Unwiderstehlich“ sekundierten ihm nun seine Protagonisten Sonja Hilberger und Marco Matthes.
Eine Drehbühne, ausstaffiert mit einer Couch. Die reicht (Respekt für Ausstatter Manfred Gruber!) völlig aus. Heises mögliche Intuition: Weniger Zierrat, jeder Fokus auf die Mimen. Und den stellte der Regisseur auf stark, akkurat. Und was die beiden Schauspieler daraus machten, stellte ihnen ein ganz bravouröses Zeugnis aus. Natürlich lebten sie ihren Part emotional, polternd aus. Aber da waren eben auch diese ruhigen Phasen, wo man im Auditorium das Augenklimpern fast schon als Ruhestörung empfand. Das war Schauspielkunst, die man andernorts im kulturverschlissenen Rostock nur vom Hörensagen kannte.
Am Ende küsst er sie (oder umgekehrt?) als ein Symbol des Verspeisens. Als Leckerbissen. Für alle.