Der Urknall – Premiere 30.03.2019 – Ostsee-Anzeiger Andreas Golz

Broadway im Stadthafen und eine Nofretete mit Lampenschirm

Broadway im Stadthafen. Die Compagnie de Comédie offerierte das Comedy-Musical „Der Urknall“ von Boyd Graham. Ein zeitgeschichtlicher Abriss, der assoziiert: Es konnte auch ganz anders gewesen sein.

Bei den Kreativgeistern Marc und Pete schießt der Ehrgeiz üppig ins Kraut. Sie wollen ihr epochales Musical „Der Urknall“ am Broadway zur Aufführung bringen. Es soll ein zwölfstündiges Konglomerat der ganzen Weltgeschichte werden. Von Adams Apfel bis hin zu Jimmys Gitarre, von Columbus über Napoleon, Mutter Gandhi bis hin zu Janis Joplin. Die Staffage einer Kleinstadt: 8000 Darsteller würden denn schon benötigt. Die Ambitionen, deckungsgleich mit den Kosten, sind so hoch wie die Wolkenkratzer in Manhattan und die finanziellen Aussichten daran so düster wie die Häuserschluchten. Also kehren die Beiden mit dem Pianisten Phil in ein Apartment ihrer Freunde in der Park Avenue ein um vor eingeladenen potentiellen Geldgebern mit Überzeugungskraft einen saloppen Abriss ihres monumentalen Kunstwerkes tanzend und singend zu zelebrieren. Das Wohnzimmer ist die Bühne und in Ermangelung aussagefähiger Requisiten muss das schlichtere Interieur der Stube herhalten. Die Nofretete mit Lampenschirm als Kopfbedeckung ist auch nicht in jeder Phantasie zu Hause. Marc und Pete ist es egal. Hauptsache, sie können nach der sie völlig verausgabenden Heimvorstellung den Klingelbeutel kreisen lassen…

Die Vorahnung trog nicht: Wenn sich in der Compagnie eine Allianz der positiv Durchgeknallten bildet, dann ist das Spektakel nicht mehr weit. Getreu dem Motto: Wir ziehen uns aus, machen uns aber nicht nackig (auf der Bühne Marc und Pete im Adamskostüm mit schlichtem Gewirk um die Lenden), gab sich das Ensemble nicht der Klamotte preis sondern offerierte eine an sich vergnügungssteuerpflichtige Hatz mit großem Unterhaltungswert. Harry Behlaus faszinierende Ausstattung servierte den Mimen die Fixpunkte förmlich im Akkord. Galina Weber-Poukhlovski zauberte Marc und Pete eine wunderschön ungeschliffene Choreografie in die Koordinaten. Regisseur Manfred Gorr hielt die Heißsporne zu zackigem Tempo an. Das letztlich zugemöhlte Wohnzimmer sprach Bände! Pianist Philipp Krätzer (Name merken!) gab gelassen den perfekten Gegenpol zu den beiden Energiebündeln vor der Rampe ab. Marcus Möller und Peer Roggendorf. Ein Pärchen wie gesucht und gefunden. Mit dem Faible für kleine Chose und große Pose. Hohe Schauspielkunst und Disziplin, denn dass sie in den dramatisch geschürzten Sentenzen der Historie nicht am immer wiederkehrenden legendären Lachen der Compagnie-Prinzipalin Martina Witte scheiterten, darf als Qualitätsmerkmal gelten.

Der Broadway ist fern, die Bühne 602 liegt näher. Am 12. April ab 20 Uhr ebenda.